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Gerade erschienen:


Eckart Voigts-Virchow (Ed.) Janespotting and Beyond. British Heritage
Retrovisions Since the Mid-1990s. Tübingen: Narr, 2004. 212 Seiten
54,- Euro.

"Film" und Kulturerbe" in einem Gattungsbegriff in Beziehung zu setzen ist in Deutschland durchaus unüblich, in jedem Fall aber umstritten ("Heimatfilm?"). Der englischsprachige Sammelband wirft einen Blick nach Großbritannien, wo der Begriff des "heritage film" (entwickelt vor allem von Andrew Higson) seit Mitte der 1980er Jahre die Forschungsdiskussion dominiert. Ist das "Merry England" des Landadels im 19. Jahrhundert - inszeniert als Potpourri von Schafen, Empire-Kostümchen und eng anliegenden Männerbeinkleidern, von sehnsuchtsvollen Blicken unterdrückter Emotion vor pittoresken Schössern und Landschaftsgärten - ein massenmediales Trivial- und Trugbild der verengenden Geschichtsklitterung? Oder aber öffnen die Filme frische Blicke auf ein literarisches Kulturerbe, mithin auf ein innovatives Feld, in dem das monolithische Genre der reaktionären Kulturinszenierung bröckelt und in dem diverse Publikumssegmente interaktiv wildern, um aus den Texten eigene Bedeutungen zu appropriieren? Die Beiträger entwickeln neue Ansichten zu der Welle von Kostümfilmen und Adaptionen, die seit den 1990er Jahren von Großbritannien her die Bildschirme in den USA und Europa heimsuchen. Gerade hat Andrew Higson bei OUP seine Monographie "English Heritage, English Cinema" veröffentlicht, eine Revision seines Standardwerks "Waving the Flag" von 1995, da hat er in diesem Band, der im Rahmen eines ZMI-Projekts entstanden ist, erstmals Gelegenheit, den Blickwinkel auf Jane-Austen-Adaptionen zu erweitern und sich in der neu entfachten Diskussion zu positionieren. Pamela Church Gibson entwickelt aus Sicht der Gender Studies in kontroverser Auseinandersetzung mit Higson neue Lesarten von Patricia Rozemas "Mansfield Park", Deborah Cartmell beschäftigt sich mit der Aufbereitung Hamlets als "teen-pic", Roberta Pearson überblickt die Inszenierung von William Shakespeare im TV und Sarah Street bringt Stephen Poliakoff mit Simon Schama und postmoderner Geschichtsschreibung in Verbindung. Dazu lesen Barbara Schaff und Lucia Krämer die stilisierte Kunstmacht des jüngst verfilmten Oscar Wilde-Ästhetizismus. Angela Krewani vermutet die Ursprünge dieser Filme im Fernsehen, nämlich im "classic TV serial" und Carolin Held spürt expressionistischen Interventionen gerade in diesem Genre, nämlich in "Our Mutual Friend" (Dickens) und "Vanity Fair" (Thackeray) nach. Die Frage, ob die Filmgärten 'lesbar' inszeniert sind oder lediglich wie in einer Vitrine als Objekte der Begierde ausgestellt werden, treibt Raimund Borgmeier um. Schließlich beobachten Carola Surkamp und Monika Seidl die Potentiale des 'heritage film' im Klassenraum, wo die Literatur vom 'Regime des Sehens' gerade dann bedrängt wird, wenn Lehrer Filme methodisch unreflektiert als Lückenfüller einsetzen.
zuletzt bearbeitet: [|profil.btrebitz], 05.03.2012 um 11:03 Uhr