Powerpoint-Debatte unter Beteiligung mehrerer ZMI-Akteure

von Fabian Pingel
Um die Jahrtausendwende – also vor ziemlich genau einem Jahrzehnt – entbrannte eine Debatte über Sinn und Unsinn, Fluch und Segen des Präsentationsprogramms „Powerpoint“. Von nicht wenigen wurden die computer- und projektorgestützten digitalen Präsentationen im Rücken des Vortragenden als mindestens überflüssig, meist sogar schädlich empfunden, lenken Sie doch – so der verbreitete Vorwurf – vom gesprochenen Wort ab und sind zu diesem meist noch redundant. Seither ist die Debatte etwas abgeflacht, wohl auch deshalb weil lange Zeit auf eine systematische wissenschaftliche Vertiefung des Themas verzichtet wurde. Zwei nahezu zeitgleich erschienene deutschsprachige Publikationen verliehen der Debatte um Powerpoint neue Fahrt. Mittendrin befinden sich gleich mehrere Mitglieder des ZMI.
PPT-DebatteAnlass der neuen Powerpoint-Debatte war ein Beitrag des Redakteurs Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung (30.11.2009), in dem er die Neuerscheinung des Bandes „Powerpoint Macht und Einfluss eines Präsentationsprogramms“ von Wolfgang Coy und Claus Pias zum Anlass nahm, die Kritik an digitalen Präsentationen zu erneuern. Als Zeugen für das nach wie vor vorhandene „Unbehagen, (…) in diesem Programm verberge sich eine geheime, gleichsam subversiv arbeitende Normierungsinstanz, die jeden Gedanken so lange teilt, kürzt und verflacht, bis er sich in eine überschaubare Zahl sofort löslicher Brühwürfel verwandelt“ führt Steinfeld Powerpoint-Karaoke- und bullshit bingo-Veranstaltungen an, die sich spielerisch mit dem Verhängnisvollen an Powerpoint auseinandersetzen. Vorrangig kritisiert Steinfeld in seinem Beitrag die Übermacht des Visuellen über Sprache und „Fließtext“: „Wer eine Rede für eine Präsentation hält, stiehlt sich aus der Gegenwart seines Vortrags davon, indem dieser nur auf etwas außerhalb Befindliches verweist. Er wäre auch fähig, Verkehrsschilder, Piktogramme oder Heiligenbilder (denn um mehr geht es ja, streng genommen, bei Powerpoint-Präsentation nicht) mit Argumenten zu verwechseln.“
Nur gut eine Woche später hielt Henning Lobin, Geschäftsführender Direktor des ZMI und Autor des jüngst im Rahmen der Interaktiva-Reihe des ZMI erschienenen Bandes „Inszeniertes Reden auf der Medienbühne“, in der gleichen Zeitung (SZ, 8.12.2009) entgegen, dass nicht das Medium, sondern bestenfalls der Redner schlecht sei, denn dieser müsse gleich mehrere Rollen parallel wahrnehmen: Autor, Regisseur, Bühnenbildner, Rhetor und Darsteller. Dabei bestreitet er nicht, dass Fehler bei Powerpoint-Präsentationen an der Tagesordnung seien du die Versuche der Visualisierung des gesprochenen oftmals „unbeholfen, überflüssig oder ärgerlich“ wirkten. Gegen eine pauschale Kritik an dem Medium verwehrt sich Lobin jedoch und weist im Gegenzug auf die Vorzüge des Mediums bei einer sinnvollen Nutzung hin: So würde etwa in Behörden heute „präsentiert“, wo früher nur Anweisungen gegeben wurden. Auch könnte eine Bebilderung des Vortrags erheblichen Mehrwert beinhalten, wenn gezeigt werde, was nicht einfach in Worte zu fassen ist – etwa das Foto einer Gewebeprobe bei einem medizinischen Vortrag. Vor allem aber wirbt Lobin dafür, den performativen Aspekt von Präsentationen zu beachten: Sie sollten weniger als Vortrag denn als Performance, als „Schauspiel“ begriffen werden.
Systematisch befasst sich der Trierer Medienwissenschaftler Hans-Jürgen Bucher im Rahmen des ZMI-Forschungsverbunds „Interactive Science“ mit dem Neben- oder besser gesagt dem Miteinander von gesprochenem Vortrag und Visualisierung durch Powerpoint. So werden beispielsweise die Blickbewegungen von Zuhörern beziehungsweise Zuschauern während einer Präsentation erfasst und ausgewertet. Im Blog des Forschungsverbundes wirft Bucher Steinfeld denn auch vor, die alten, von Technikdeterminismus getriebenen Ressentiments gegen Powerpoint aufzuwärmen, die in der Mediengeschichte längst nicht mehr vertreten würden. Sie seien nicht zuletzt gegründet auf die lange Tradition in der Wissenschaft, allem Visuellen ablehnend gegenüberzustehen. Dabei bildeten nach Buchers Ansicht „Präsentation und Vortrag (…) keinen Gegensatz, sondern sind jeweils unterschiedliche Strategien der unmittelbaren Wissensvermittlung – die man gut oder schlecht ausführen kann.“
Mit Sibylle Peters hat sich mittlerweile neben Lobin und Bucher ein Drittes Mitglied des „Interactive Science“-Forschungsverbundes in die Debatte eingeschaltet. Unter dem Titel „Wir Schauspieler“ veröffentlichte sie in der pdf iconSüddeutschen Zeitung ihre Sichtweise zu der neuerlich aufkommenden Debatte um Präsentationen. Die Wissenschaftlerin und Künstlerin, die mit so genannten „Lecture Performances“ selbst gezielt die Grenze zwischen Vortrag und Schauspiel zu verwischen versucht, stellt darin wie zuvor schon Lobin Präsentationen eben nicht als neue Vortragsform, sondern als Performance dar. Entgegen der verbreiteten Meinung sei für ‚PowerPoint’-Präsentationen kennzeichnend, dass im Vorhinein nicht festgelegt sei, wie Sagen und Zeigen zueinander stehen – weder durch Software, noch durch Konvention. Wie sich Rede/Aktion und Folie zueinander verhalten und was dabei jeweils die Szene der Präsentation insgesamt dominiert, stehe vielmehr bei jedem Klick erneut in Frage. An einigen Beispielen weist sie letztlich auf die Erkenntnis hin, „dass wir es hier nicht nur mit der Vermittlung gegebenen Wissens zu tun haben – sei sie gelungen oder nicht, sondern mit einem experimentellen Szenario, in dem zwischen Sagen und Zeigen, Sehen und Hören Wissen entsteht.“
zuletzt bearbeitet: [|profil.btrebitz], 19.08.2009 um 17:08 Uhr